Das Geheimnis des papiernen Türchens

1 Dez

Meine erste Begegnung mit einem Adventskalender hatte ich am 24. Dezember 1988. Ich fand ihn unter dem Weihnachtsbaum, das heißt, unter dem Rohr, von dem ein paar mit grüner Fledderfolie umwickelte Drähte abstanden. Mein Onkel, der als Musiker der schlesischen Philharmonie das seltene Glück hatte, hin und wieder ins westliche Ausland reisen zu dürfen, war gerade aus Deutschland zurückgekommen. Die Rückkehr eines Verwandten aus dem Westen war immer ein „Mega-Event“, zu dessen Ritualen der schamanische Tanz um die Ananas und das berauschende Schnuppern an wellenförmiger Fa-Seife gehörte. Unter einem Berg von Gummibärchen, Puddingtüten, Trinkpäckchen und Streuselröhrchen lag diesmal eine große Papptafel, die auf den ersten Blick wie ein sehr schönes Weihnachtsbild aussah. In einer funkelnden Schneelandschaft tollten Kinder mit rosa Bäckchen vor einem reich geschmückten Tannenbaum herum und in den Fenstern kleiner Häuschen glühte familiäre Geborgenheit. Aber was war das? Auf den Bildern waren ja Zahlen! Nicht von links nach rechts, von oben nach unten, sondern total durcheinander! Und gedruckt waren sie auf Kästchen, die aussahen, als könnte man sie aufbrechen. Warum aber sollte man ein so schönes Bild kaputtmachen? Und was rappelte denn da so? Ich wandte mich in der Verwirrung an meinen Onkel, der mir erklärte, dass die Deutschen ihre Schokolade manchmal umständlich verpackten, nur damit es schöner aussähe. Ich solle einfach mal ein Türchen öffnen und mir ein Stück herausnehmen. Vorsichtig brach ich also ein Türchen auf, und fand ein glockenförmiges Schokoladenstück. Ein weiteres Türchen brachte einen Beachball zutage. Ich war begeistert. Hinter jedem Türchen steckte etwas Anderes! Obwohl meine Eltern mich gebeten hatten, nicht alles auf einmal zu essen, verputzte ich die Schokoladenstücke im Nu. Die Türchen drückte ich wieder herein. Wie schön doch das Bild war! Wir hängten es im Flur auf, wo es bis zur Ausreise 1989 das Auge aller erfreute.

„Hääääää?“, fragen sich nun die Ein- bis Dreifaltigen unter meinen Lesern. „In Polen kannte man Adventskalender nicht!??“ und die Antwort, die man erwarten könnte, wäre: „Nja, wat willse machen, Ostblock, ne? Wir hatten ja nix.“, aber die Wahrheit ist viel aufregender. Wie manch andere Tradition, die mittlerweile als universell-weihnachtlich gilt und in den meisten Ländern christlicher Prägung selbstverständlich ist, ist der Adventskalender eine deutsche, allzudeutsche Erfindung. Das hat er mit Weihnachtsmärkten, Adventskränzen, und sogar dem Brauch gemein, einander zu beschenken. Und so hat es sich zugetragen: Die Idee, dass man doch die Tage bis Weihnachten zum Spaß abzählen könnte, entstand gegen 1800 im deutsch-protestantischem Milieu. Zunächst zündete man einfach jeden Tag eine Kerze an oder strich die verbleibenden Tage auf einem Täfelchen weg. Ab 1850 sind Adventskalender bezeugt, die Kinder sich selbst zeichneten. Das blieb so lange eine beliebte vorweihnachtliche Beschäftigung, bis der Unternehmer Gerhard Lang 1908 eine kommerzielle Version des Adventskalenders auf den Markt brachte. Dabei handelte es sich um ein Stück Karton, zu dem 24 kleine Illustrationen gehörten. Diese konnten, angefangen am Tage des ersten Advent (nicht: 1. Dezember), an die entsprechende leere Stelle geklebt werden. Weil es aber unpraktisch war, jedes Jahr aufs Neue eine andere Anzahl von „Stickern“ zu produzieren, wurde die Tradition geboren, einfach jedes Jahr von 1 bis 24 zu zählen. Bereits 1920 wurden von demselben Gerhard Lang Adventskalender produziert, die Türchen hatten, hinter denen man sich von den kleinen Illustrationen überraschen lassen konnte. Sie wurden bekannt als „Münchner Adventskalender“ und verbreiteten sich von da an über Europa, bis sie irgendwann auch in den USA zu boomen begannen. Die Sache mit der Schokolade kam erst in den 1950ern dazu und war eine Weiterentwicklung der Amerikaner.

Der Adventskalender ist also sehr deutsch, und interessanterweise ist es auch die große Zeitspanne, die man mit „Weihnachtsstimmung“ zu füllen trachtet. Im Laufe meiner polnischen Kindheit bin ich nur einmal mit einer Art Äquivalent zum Adventskalender in Berührung gekommen, und zwar in der Form sogenannter „Jesushemdchen“ aus weißem Papier, die man im Religionsunterricht (im Pfarrhaus, wo alle Lehrenden Nonnen waren) basteln musste. Den Eltern der Kinder wurde aufgetragen, jeden Tag ein rotes oder ein schwarzes Herz auf das Hemdchen zu malen, je nachdem, ob man artig oder unartig gewesen ist. Am Verhältnis der Herzen zueinander konnten die Eltern dann ablesen, wie sehr das Kind beschert werden sollte. Ziemlich sinnlos, da die generelle Armut im Land es kaum jemandem erlaubte, sich groß über Geschenke Gedanken zu machen. Jedenfalls haben die Jesushemdchen meiner Erinnerung nach nicht groß dazu beigetragen, „Weihnachtsstimmung“ zu schaffen. Achja, und einmal, da saßen 24 Kinder im Studio von Domowe Przedszkole (eine Mischung aus Sendung mit der Maus und Kinderspielshow), aber nur die, deren Eltern politische Opportunisten waren, bekamen einen vorweihnachtlichen Berliner in die Hand gedrückt. Die Moderatorin kündete an, in einem von ihnen sei eine Überraschung versteckt. Ich starrte gebannt auf den Bildschirm. Was würde im Milchzahnmäulchen des glücklichen Kindes knirschen? Ein kleines Auto? Ein aufziehbarer Puppenschuh? „Ich hab es!“, rief ein Junge, und hielt die Überraschung in die Höh. Und, was war’s? Eine Mandel.

Als meine Familie nach Deutschland kam und wir mit den hiesigen Sitten und Gebräuchen in Kontakt kamen, verstörte es uns, dass es schon im November überall so weihnachtlich brummte. Dass man Dinge, die in der Heimat einzig diesen drei Tagen vorbehalten waren, hier schon Wochen vorher aus der Kiste zog. Für uns war das nicht unbedingt etwas Positives, denn es führte dazu, dass die tatsächlichen Weihnachtstage ihre Besonderheit verloren. Wenn die Weihnachtsbäume wochenlang blinken, sind sie an Heiligabend schon langweilig geworden, ihr Zauber ist verflogen.
Deutsch ist also nicht nur der Adventskalender sondern auch die „Weihnachtsstimmung“, die schon Wochen im Voraus geschaffen wird (und damit meine ich nicht den kommerziellen Aspekt, eher jene protestantischen Erscheinungen wie den Adventskranz, sowie Plätzchen backen, Weihnachtsgeschichten lesen und dergleichen, dazu in kommendem Blogartikel mehr.).

Hier, einen hab ich noch! Der Adventskalender teilt etwas mit einem anderen deutschen Brauch, dem Maibaum: wenn man keinen bekommt, fühlt man sich ungeliebt und hässlich. Ich zum Beispiel. Solang ich hier lebe, keinen Maibaum von rechtsradikalen Dorfjugendlichen gepflanzt bekommen, keine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen erhalten, keine Überraschungsparty zum Geburtstag, und kein „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?“ in Form eines selbstgebastelten Adventskalenders. Ich habe allerdings auch selbst noch nie jemandem einen gebastelt und reiße mich auch nicht darum. Vielleicht, weil ich es obszön finde, kleinen Pipifatz in Säckchen aus Filz zu fummeln, vielleicht, weil ich Leonardo-Glas-Sammlerinnen verachte, und damit alles, was sie in Erregung versetzt. Aber hauptsächlich, weil ich mit dieser Tradition nicht aufgewachsen bin. Ich bin zu spät gekommen, der Adventskalender war nicht mit meinen Kindheitserinnerungen verbunden, nicht mit der Sentimentalität meines Umfelds aufgeladen, die Anstrengung, die man auf sich nehmen musste, um einen Adventskalender zu basteln, wurde nicht ideell belohnt. Mit anderen Worten; nix kapiert und weiß Gott besseres zu tun gehabt. Und wie steht ihr zu diesem Brauch, mein lieber Bub, meine liebe Chiquita? Erzählt mir ALLES!!!!

Eure besinnliche Zimt-Kastagnette

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Eine hosenlose Frechheit

29 Nov

Immer wieder werde ich gefragt: „Wer hat in eurer Beziehung eigentlich die Hosen an?“ – „Also ich bestimmt nicht!“, rufe ich in die Mikrophone, die mir das Volksinteresse entgegenstreckt. Denn ich bin die Frau ohne Hose, und mit Hose meine ich alles, was vielförmige Rillen in die Haut „zaubert“, wie die Schlieren, die ein Molkegetränk im Glas hinterlässt, also streng genommen auch Röcke und andere gürtelbare Unterbauquetschen. Ich finde es bedauernswert, dass wir in einer Kultur leben, die das Tragen einer Hose nicht nur zum Synonym des sozialen Funktionierens macht, sondern auch zum Anzeiger einer gesunden Psyche in einem gesunden Leib, und umgekehrt: wer nur mit einem Lendenschurz bekleidet durch die eigenen vier Wände tollt, dem wird automatisch Verrücktheit oder Depression attestiert. Die zersetzenden Folgen langer Arbeitslosigkeit fasst man gerade in zeitgenössischen Serien wie „How I met your Mother“ im Bild des in Boxershorts auf der Couch schlummernden Schlendrians zusammen. Was mich angeht, drehe ich erst durch und werde depressiv, wenn äußere Umstände mich zwingen, zuhause länger als zehn Minuten in einer Hose zu verharren. Etwa wenn Amazon seine Ware in die Hände obskurer logistischer Unternehmen legt, die ankündigen, dass sie irgendwann zwischen Montag und Freitag, 8:00-18:00 Uhr liefern werden. Letztes Jahr um die Weihnachtszeit wurde ich wegen der Überlastung des Liefersystems ganze drei Tage in einer Hose gefangen gehalten. Und wofür? Für nix! Die Lieferung wurde beim Nachbarn abgegeben. Abgeholt habe ich sie einige Wochen später, da sich zufällig ergab, dass ich behost in der Gegend war. Ich hege eine von Unverständnis und Mitleid gefärbte Bewunderung für alle, die in den eigenen vier Wänden etwas Anderes als Pyjama (oder vergleichbare sackartige Kleidung) tragen. Ist das bleierne Unbehagen, das die Nieten und Falten einer Jeans im Pfirsichbody eines Babys verursachen würden, dem herkömmlichen Menschen etwa schon derart zur Selbstverständlichkeit geworden? Spürt er die garstige zweite Haut nicht mehr? Ich möchte keineswegs die disziplinierende Wirkung eines Bügel-BHs oder einer strengen Zwiebelfrisur dementieren, ob man nun auswärts arbeitet oder zuhause, womöglich erfüllt die Hose für den ein oder anderen denselben Zweck – aber rund um die Uhr? Oh bitte. Mir scheint hier eine unsinnige soziale Konvention am Werke zu sein, die es im Interesse aller zu stürzen gilt!
Wie haltet ihr es mit der Hose? Streift ihr sie ab, sobald die Tür ins Schloss fällt? Oder lasst ihr euch gern von ihr knechten? Ist sie ein hoch zu haltendes Symbol für Zivilisation und funktionierende Gesellschaft oder ein längst überholtes Ärgernis? Oder wollt ihr mir erzählen, dass ihr den ganzen Tag mit Besuch rechnen müsst? Discuss!

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Stilbrüten. Gedanken zur Sprache.

7 Nov

Wie die meisten anderen meiner Generation verbrachte ich meine Jugendjahre im Glauben, Gänsefüßchen wären kein großes Ding. Wären sie ein großes Ding, würden sie Albatrosfüßchen heißen und regelmäßig für Zwietracht in Sprachdiskursen sorgen. Nichts dergleichen. Nur selten sah ich Gänsefüßchen von der Anklagebank der Stilpäpste baumeln, geschweige denn, dass sie mein eigenes Weltschmerzzentrum je erbeben ließen. Doch ihre Störkraft sollte sich mir bald in der Gestalt einer schwerstintelligenten ukrainischen Studentin offenbaren: Wann immer sie im Seminar etwas referierte, legten ihre Lider ein Geflatter an den Tag, als würde sie Signale aus dem Jenseits empfangen, während ihre Fingerchen ununterbrochen in Ohrhöhe herumzuckten, um jedes zweite Wort mit Anführungsstrichen zu markieren. Ihre Reden versetzten mich in Angst und Schrecken; sie erinnerten mich zuweilen an die Sprechblasen des Vögelchens Woodstock. In einem vertraulichen Moment (sie trug ihr Eistütenpyjama, ich bürstete ihr das drahtige Haar) fragte ich vorsichtig, was eigentlich in ihrem Kopf vorging, wenn sie am Rednerpult stand. Da piepste sie mit süßer Vorspulstimme: „Zu viele Wörter! Zu wenig Zeit!“ Es gäbe unendlich viele Möglichkeiten, einen Gedanken auszudrücken, erklärte sie, so dass man (zumindest unter Zeitdruck) nie sicher sein könne, ob man aus dem Angebot das richtige gewählt hätte. Mit den Gänsefüßchenbewegungen distanziere sie sich von den Wörtern, entschuldige sich im Voraus für sie, sollten sie nicht die ideale Passform haben. Was für ein Freak!

Einige Jahre später entdeckte ich in privater Korrespondenz, dass ich selbst und alle, mit denen ich gern kommunizierte, von Gänsefüßchen geradezu besessen waren. Kaum ein Satz, der nicht das Stigma unseres Distanzierungswillens trug. Floskeln, Euphemismen, Fachjargon, Jugendslang, Klischees: Gänsefüßchen waren unsere Tütchen für die Kothaufen der Sprache. Apostrophierte Wörter, das sind immer die Wörter der “Anderen”. Wenn ich „Unterschicht“ sage, dann meine ich, dass mir die unbequemen Konnotationen bewusst sind und man mir doch bitte wegen des Wortgebrauchs keine feindliche Gesinnung gegenüber „bildungsfernen“ ( :-] ) Menschen unterstellen soll. Apostrophiere ich allerdings eine Floskel wie „Alles Gute!“, dann meine ich paradoxerweise, dass ich es wirklich so meine. Ich distanziere mich damit von der allgemeinen Auffassung, dass Floskeln „Worthülsen“ mit verlogenem Inhalt seien, und dass ich „Worthülsen“ apostrophiere, soll wiederum zeigen, dass ich belesen genug bin, um zu erkennen, wie ausgelatscht dieser Ausdruck ist.

Es scheint, als wäre Sprache eine einzige Hinterfotze, die eine Grundparanoia notwendig macht. Nie meint sie, was sie sagt, nie sagt sie, was sie meint. Ja ist nein, gut ist schlecht, man möchte sie in die Tonne kloppen. Aber ist Eintüten von sprachlichem Unrat die Lösung? Soll Hass auf das Wort die Antwort sein? Auch in den Reihen derer, die Selbstmord mutig finden und ständig in irgendwelchen philosophischen Krisen stecken, gilt es ja als chic, die Sprache als Last zu begreifen, als ein notwendiges Übel, das uns seine eigene Ordnung aufzwingt und alle Erfahrung limitiert. Sie mögen Sprache nicht, weil man sie mit anderen teilen muss; sie bemitleiden sich dafür, sie mit einem Teil der Menschheit gemeinsam zu haben. Diesen kühnen Vorwurf wage ich deshalb, weil ich das Argument, Sprache behindere Gefühle, für totalen Quatsch halte. Sprache ermöglicht Gefühle! Wer das nicht nachvollziehen kann, sollte mal ein gutes Buch lesen. Die Erfahrung ist keineswegs begrenzt durch die paar Buchstaben, die zu ihrer Beschreibung zur Verfügung zu stehen scheinen.

„The world is but a canvas to the imagination“, schreibt Henry David Thoreau, und ich ergänze: wenn die Welt eine Leinwand ist, dann ist Sprache der Malkasten, der uns ermöglicht, anderen zu zeigen, was wir mit dieser Leinwand anstellen. Ich möchte mir Sprache als Aquarellmalkasten denken, der eine begrenzte Anzahl von Farbnäpfen enthält. Aber nur Ungeübte und Angstmolche werden die Leinwand mit einer einzigen Farbe bepinseln. Wir anderen wissen, dass es nicht die Farbe als solche ist, die Stimmungen macht. Die Wirkung einer Farbe entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit anderen Farben, und genauso ist es mit der Sprache. Ein weiches Wort mag die Härte eines Ausdrucks mildern, eine geschickte Aufstellung auserlesener Vokabeln dem ganzen Satz eine elegante Erhabenheit verleihen, die an anderer Stelle durch eine plumpe Redewendung wieder in Frage gestellt werden kann. Die einfachste, und doch nicht einfache Art des sprachlichen Einfärbens ist die Verwendung von Synonymen. Was jedoch an Schindluder mit Synonymen getrieben wird, macht viele Leinwände, die man mir entgegen hält, zu einem unerträglichen Anblick und war letztlich auch der Auslöser für diesen Blogpost. Speziell:

• Es gruselt mich vor der Auffassung, der Gebrauch von möglichst vielen Synonymen sei ein Zeichen von Wortgewandtheit und gutem Stil. Allzu oft ist es das Gegenteil. Ich möchte keinen Liebesbrief bekommen, in dem der Verfasser erst von seinem Herzen, dann von seinem „Pumporgan“ spricht. Wortwiederholung ist nicht immer ein stilistischer Fehler!

• Von zwanghafter Suche nach Synonymen scheinen auch Schriftsteller besessen zu sein, die sich mit so simplen Verben wie „sagen“, „fragen“ und „antworten“ nicht abfinden wollen. Man muss dann solche Sachen lesen: „Bla?“, ließ sie ihre Stimme erklingen. „Na… Blabla.“, röchelte er heiser. „Ach, bla.“, trötete sie ihm entgegen, bevor er „Bla bla bla?“, durch den Flur echote. „Bla.“, murmelte sie darauf leise, aber er bellte nur: „Blaaa blabla…“.

• Ein weiteres Ärgernis stellen Archaismen (also veraltete Ausdrücke) dar, die munter als Synonym verwendet werden, wo sie nichts zu suchen haben. Wenn unsere Kanzlerin wieder jemanden „vergrämt“, oder das Volk „bräsig“ gestimmt ist, dann will ich mich vielleicht im Satiremagazin Titanic befinden, aber ganz bestimmt nicht in einem SPIEGEL-Artikel. Zugegeben fände ich das nur halb so schlimm, wenn ich die Hintergedanken der Autoren nicht immer hören würde: „Das passt hier zwar irgendwie nicht rein, aber zeugt von meinem großen Wortschatz. Und ich muss das jetzt bringen, hab ja nicht umsonst vier Stunden mit dem Wörterbuch verbracht. Außerdem: bräsig! LOL!“

• Archaismen wird automatisch unterstellt, humoristischen Wert zu haben. Bei Max Goldt mag das der Fall sein. Er nutzt sie als Element seines süffisant-onkelhaften Tons und überrascht dann auch tatsächlich mal mit einem seltenen Fund. Von Eigenwitzlachern begleitetes „frönen“, „frohlocken“, „huldigen“, „wallendes Haar“, „holde Maid“ und dergleichen sollte man jedoch nicht reproduzieren. Außer, man gehört einer sechzehnjährigen Metal-Jugend an, die vor dem LARP-Wochenende roten Wachs auf erfundene Mittelalterdokumente tröpfelt.

Warum ich in meiner Wahl der Metapher einen Aquarellfarbkasten einem Batzen Ölfarbtuben vorziehe, ist meine Überzeugung, dass Sprache trotz aller Einfärbemühungen klar bleiben sollte. Synonyme sind der Präzision wegen da, nicht für barockes Sprachgeprotze. Mit den vielen Farben und Abstufungen, die der Malkasten der Sprache offeriert, sollte man Inhalten einen distinkten Ton verleihen und nicht das Leere und Nichtssagende überpinseln. Auf Aquarellbildern ist die Skizze noch sichtbar, und genauso sollte der Gedanke unter den sich überlappenden und ineinander fließenden Farbflecken hindurchscheinen, wenn wir mit Texten überzeugen wollen. Ist der Gedanke nicht mehr sichtbar, waren alle Synonyme umsonst.

Ein Tipp noch für alle, die auf Nummer sicher gehen wollen, dass ihre Gänsefüßchen nicht als nervöser Tick, sondern als Missmut gegenüber den geäußerten Wörtern verstanden werden: es empfiehlt sich das Tragen von Fingerpuppen, da sie beim Apostrophieren „erbrechen“.

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Krieg der Kluften

29 Okt


Für die optimale kunstgeschichtliche Erfahrung empfiehlt sich das Abspielen des Audio-Kommentars bei gleichzeitiger kontemplativer Betrachtung des Bildes. Die Inhalte können auch in Textform (s.u.) konsumiert werden. 

Seit Anbeginn der Zeit zieht es den Menschen auf die andere Seite, will er die gottgegebene Ordnung durchbrechen und das Gegenteil dessen, was die Natur ihm beschert hat. Das Werk, das wir heute betrachten, erzählt von diesen törichten Wünschen und dem hohen Preis, den manch einer für ihre Erfüllung zahlt. Wir könnten mit einer architekturgeschichtlichen Erkundung der Stadt beginnen, würde die Straße nicht von zwei Gestalten blockiert werden, die keine Anstalten machen, ihre Interaktion für uns zu unterbrechen. Die Frau links im Bild trägt einen langen weißen Kittel, der eine Beschäftigung im sanitären Dienst nahelegt. Der Verdacht versteift sich zu einer Gewissheit, sobald wir ihrer gelben Putzhandschuhe ansichtig werden. Diese Darstellung belegt die außergewöhnliche Flexibilität mittelalterlichen Latex, der den darin steckenden Fingern erlaubte, mühelos Schattenspiel-Rehe zu formen. Die muskulösen Schultern der Frau tragen einen roter Teppich. Um das Herabgleiten des edlen Stücks beim Transport ins Nachbarhaus zu verhindern, hat sie ihn mit einem Autoscooter-Lenkrad geschickt vor der Brust fixiert. Mit einem Putzlappen als zusätzlichem Keimpuffer umfasst ihre linke Hand einen mannsgroßen Teppichklopfer. Das trockene Laub in seinen Windungen ist kein Zierrat! Es fungiert als Merkhilfe, dass die Gartenarbeit noch bevorsteht. Aber wer ist diese Frau, die so tüchtig und selbstsicher vor uns ins Bild getreten ist? Ist sie fleißige Haushälterin aus Leidenschaft? Oder eine Reinigungskraft, die ums nackte Überleben kämpft? Das Geheimnis ihrer sozialen Herkunft wird von der ungewöhnlichen Kopfbedeckung offenbart: es handelt sich dabei um eine mutierte Pistazie, die von einem goldenen, mit Edelsteinen verzierten Keuschheitsgürtel eingefasst wird. Ein Kopfputz, der den Schluss nahe legt, dass sich hinter dem schäbigen Äußeren eine entlaufene Königstochter verbirgt, die in den täglichen Mühen des einfältigen Volkes Trost und Erbauung sucht.

Wenden wir uns nun ihrer Kontrahentin zu, die zu unserer rechten mit forderndem Schritt und offenem Autogramm-Buch Kontakt mit der königlichen Ausreißerin sucht. Sie trägt einen extravaganten Hut von Alexander McQueen und süße Kopfhörer aus Dackelfell. Ohne Zweifel haben wir ein Supermodel aus den unteren Gesellschaftsschichten vor uns: eine Frau, die im krassen Kontrast zur blassen Königstochter den sozialen Aufstieg sucht, indem sie ihre Attraktivität künstlich zu steigern trachtet. Neben der smaragdfarben getönten Haut weist auch eine kunstvoll geschwungene Nase auf die Tatsache operativer Eingriffe hin. Aus den aufgespritzen, lüstern rot tätowierten Lippen ragt ein Frauenfuß, der den Betrachter kokett in den verhängnisvollen Schlund leidenschaftlicher Küsse lockt. Im Kontext des Gesichtsdesigns wirken die farbigen Kontaktlinsen der Dame geradezu natürlich. Die harmonische Schönheit ist freilich kein Zufall. Wie wir hier sehr gut sehen können, war es für die Chirurgen des Mittelalters keine ungewöhnliche Praxis, vor den eigentlichen kosmetischen Eingriffen eine Testkomposition am Gesäß durchzuführen. Der ganze Körper scheint sich dem Diktat eines anorektischen Ideals gebeugt zu haben, um jeden einzelnen Knorpel der Wirbelsäule zur Geltung zu bringen. Es ist eine Wirbelsäule, in der die Ursprünge des erotischen Skoliose-Tests zu liegen scheinen. Der Preis der sozialen Mobilität findet seinen Höhepunkt in den Füßen der Frau, die nur in verstümmeltem Zustand in die winzigen Kinderballerinas passen konnten.

Der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen den beiden Frauenzimmern: Die eine eitel und schrill, heruntergemagert, mit angenähten Fashion-Flügeln und Bolero-Jäckchen aus eigenem Knochenmaterial. Die andere ihre Kurven unter unförmigen Teppichen verbergend, dem Supermodel ein gleichgültiges, ja, geradezu apathisches Gesicht zuwendend. Doch die Geschichte, die uns der Künstler erzählt, ist kein Märchen über ungleiche Schwestern, es ist auch kein moralisches Lehrstück über die Gefahren der Eitelkeit und das Edle des bescheidenen Lebens. Das wichtigste narrative Element hat der Künstler auf die Nebenfiguren verlagert, die im Bildhintergrund das Geschehen definieren. Auf der Brücke, über der ein finsterer Himmel grollt, stehen drei unentschlossene Gestalten, von denen die linke sich in glotzender Haltung über das Geländer lehnt und einen primitiven Knipsapparat auf die Frauen richtet, ein Gerät, dessen Blitzautomatik so rudimentär ist, dass der Künstler auf ein aufziehendes Gewitter als technische Metapher zurückgeworfen war. Der Mann ist ein Paparazzo, der seine Moneten mit dem Ablichten ungeschminkter Adliger verdient. Ohne Bosheit können wir behaupten, dass es ihm gelungen ist, die Königstochter in einem ungünstigen Moment zu erwischen. Es ist ein Bild, das droben am königlichen Hofe und in den aufgeregten Reihen des Volkes einen Skandal auslösen wird!

Um uns jedoch nicht in einer depressiven Grundstimmung zurückzulassen, hat der Künstler augenzwinkernde Fortschrittskritik im Bild versteckt. Hinten links auf der Bank sitzt ein Mann, der auf eine archaische Version des Smartphones starrt. Obwohl er körperlich Zeuge des Geschehens ist, das oben auf der Brücke aufgezeichnet wird, zieht er es vor, die Beute der Paparazzi im Internet zu bestaunen. Sein Interesse gilt nicht dem sozialen Abstieg der Königstochter, sondern dem Getöse des medialen Ereignisses allein. Und steckt in diesem Detail nicht ein kleiner Trost für den modernen Menschen, der im Zuge von Selbst- und Fremddarstellung an der Kritik eines anonymen Pöbels zerbricht?


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Das Milchattentat

21 Jul




Für die optimale kunstgeschichtliche Erfahrung empfiehlt sich das Abspielen des Audio-Kommentars bei gleichzeitiger kontemplativer Betrachtung des Bildes. Die Inhalte können auch in Textform (s.u.) konsumiert werden.

Zu allen Zeiten haben Frauen ihre Neugeborenen dem Tode übergeben. Dieses Bildnis eines anonymen Zeitzeugen erzählt eindringlich und in liebevoll gearbeiteten Details die Geschichte einer abgestumpften Mutter, die von sozialer Not getrieben ein Milchattentat am eigenen Kinde verübt. In ihrem Antlitz hat die Lebensmüdigkeit sich niedergelassen. Schlaffe Klapplider schieben sich über die trockenen Augäpfel. Die Frau beherrscht ihren tödlichen Handgriff wie den Zug einer Pistole: präzise hat sie die einsatzbereite Brust mit der giftigen Milchzubereitung zwischen Zeige- und Mittelfinger platziert. Die vor Schreck weit aufgerissenen Augen des Kindes, die unter einem Paar dynamischer Brauen aufzucken, sind hilfesuchend auf den Betrachter gerichtet. Der Milchstrahl schießt in den Mund des Kindes, verfehlt ihn jedoch knapp, und bleibt wie unnützer Speichel am Mundwinkel hängen. Eine Errettung? Sind wir die Erretter? Ist es unsere Anwesenheit, die die Aufmerksamkeit des Kindes erregt und den tödlichen Schuss aus der Mutterbrust ins Leere gehen lässt?

Nur einige der Fragen, die das Bild uns aufwirft, lassen sich beantworten. Kleidung und Kopfputz der Frau geben uns Auskunft über das Milieu aus dem sie stammt und legen die Motive ihrer schrecklichen Tat zutage. Ihr Haar ist zu kleinen strammen Zöpfen geflochten, die von einem billigen Haarreif aus Plastikperlen im Zaum gehalten werden. Die Frau hat eine Mülltüte über ihr Haupt gestülpt, die in der Pädagogischen Bulle von Papst Pius dem Dreizehnten als preiswertes und effizientes Erstickungsinstrument für unerwünschte Leibesfrüchte propagiert wird. Wir müssen davon ausgehen, dass die Frau beabsichtigt, sich nach vollstreckter Tat auf diese Weise selbst das Leben zu nehmen. Über den morbide geschmückten Kopf hat die Rabenmutter eine schwarze Decke aus indischer Massenproduktion geworfen, die sich wie ein Mantel des Schweigens über ihre verderbliche Absicht legt. In der Trauerfarbe schwingt unüberhörbar die Melancholie postnataler Depression mit. Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass die Mutter in der afroamerikanischen Sprechgesangszene sozialisiert wurde und im finsteren Ghetto zuhause ist. Unterstützt wird die These vom protzigen Hintergrund aus Zahngold, das einer Substanzanalyse zufolge aus dem Mundraum eines ermordeten Zuhälters stammt.

Noch deutlicher wird das, wenn unser Blick zum krausköpfigen Kinde hinab gleitet, das der Maler geschickt zwischen zwei leeren Eierkartons positioniert hat. Sie sind der Inbegriff des Unflats, der den ungünstigen Lebensraum markiert. Das Kind, das in die verhängnisvollen Hände seiner Mutter geworfen scheint, kleidet nur das eigene Fleisch. Die Haut weist einen eigenen Faltenwurf auf, der eigenwillig Kragen und Ärmelaufschläge formt. Das bereitgelegte Leichentuch, das den Unterleib des Kindes verdeckt, scheint wie mit dem Körper verwachsen. Eine Metapher für unentrinnbares Schicksal? In den Händen des Kindes baumelt eine Kette, die aus der Perlenreihe eines Rechenbretts gewonnen wurde. Der Künstler möchte uns damit auf die Bildungsferne einer Frau hinweisen, die mit der wunderbaren Welt der Mathematik nichts weiter anzufangen weiß als sie für eitle Zwecke zu Schmuck umzudeuten.

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Wunderbare Jahre. Streifzüge durch die Kunstgeschichte.

21 Jul

In der ersten Folge meiner Blog-Reihe Kunst für Menschen die im Museum unangenehm auffallen führe ich ein in ein Sujet, das uns alle betroffen machen sollte: die Volksgeißel Kindheit. Wir werden uns anschauen, wie die alten Meister und ihre Nachfolger „kleine Erwachsene“ aller Schichten und Leibesformen dargestellt haben und die betrachteten Porträts nach der Sozial- und Kulturgeschichte der abendländischen Gesellschaft befragen.

Vor einem neutralen Hintergrund aus rostigem Siff, getrockneter Spinatbrühe und Sprühblut-Flecken drängt sich dem Betrachter frontal ein unbeschwert grinsender Mensch auf, der nur anhand seiner gedrungenen Proportionen als Kind identifizierbar ist. Das Fehlen von Wimpern und lächerlichem Kopfputz definiert sein Geschlecht als männlich. Der Körper des Jungen, der in der Komposition an die Wurst-Arrangements flämischer Stilleben-Künstler erinnert, steckt in einem goldbestickten, hellroten Anzug, der in Hüfthöhe von einem gleichfarbigen Tuch gegurtet wird, von dem ein der damaligen Mode entsprechender Anhänger aus tierischen Innereien baumelt. Im unteren Bereich kräuselt sich die Jacke zu einer Art Schinken-Tütü. Mit der Hand des linken Arms, dessen Fallwinkel von der Steifheit des Ärmels bestimmt wird, formt das Kind zweimal „:<“, das Symbol für unendlichen Verdruss der Feudalherren über brachliegendes Land. Dem Daumen kommt in dieser Geste keine Bedeutung zu und gewinnt gerade dadurch Bedeutung. Die Literatur deutet ihn als Hinweis auf Überfluss. Am Ende seines rechten, zur Brust hin angewinkelten Armes quetscht die teigige Hand mit Daumen und Zeigefinder ein possierliches Vögelchen. Mit einer Gleichgültigkeit, die uns heute schockiert, präsentiert der Wonneproppen uns ein Doppelkinn, das zu besorgten Spekulationen über die Zukunft seines Körperbewusstseins verleitet. Das Porträt ist nicht nur das Dokument fehlender Empathie für die Tiere in Feld und Flur, es informiert uns gleichsam über die Ursprünge einer Praxis, die wir aus dem Atelier unserer Fotografen kennen: das Weisen auf ein imaginäres Vögelchen. Damals drückte man den genuin ungeduldigen Kindern, um sie zum stillen Posieren zu animieren, einen Vogel in die Hand. Konnte das Porträt vom Maler ohne Wischeffekte vollendet werden, durfte das Kind den Vogel verspeisen. Es ist der ungebrochene Glanz der Augen, das lustvoll geöffnete Maul mit den ausfahrenden Zähnchen, das uns eindrücklich die Effektivität eines solchen „Appetizers“ vorführt. Im Zuge der Aufklärung verschwand diese barbarische Sitte und lebt heute lediglich als ideologisch ausgehöhlte Tradition der Andeutung weiter. Wieder was gelernt!

Wenden wir uns nun einem Familienporträt zu, aus dem ich ein sonderbares Kind zur besseren Anschauung ausgeschnitten habe. Aus dem detailliert gezeichneten Gesicht blickt uns unverwandt der ulkige Tod an.

Der abgebildete Junge wendet den Blick vom Betrachter ab. Sein apathisches Starren auf einen undefinierten Punkt im Raum zeugt davon, dass er sich des unseren mitnichten bewusst ist. Sein Gesicht trägt die Züge einer verlebten Ente, die Rauschmitteln und Prostitution zum Opfer gefallen ist. Das Gewicht der schattigen Augenringe zieht auch die Mundwinkel in die Tiefe. Geradezu spürbar wird der leise Schmerz der unteren Schleimhäute, die der Junge mit den Zähnen in seinen lustfreien Mundraum zieht. Der Junge trägt eine zeitgenössische Plastikperücke, wie sie heute von der japanischen Fetischszene auf Glatzen gesetzt wird. Wir dürfen dem Künstler eine ironische Absicht unterstellen, wenn wir behaupten, dass die elegante Steifheit der Perücke und das tranige Gesicht den uralten Konflikt zwischen inszenierter Fassade und innerem Aufbegehren beschwören. Dürfen wir den jungen Mann dafür verurteilen, dass seine Miene uns verdrießlich stimmt? Sollten wir uns nicht vielmehr fragen, welche gesellschaftlichen Konfigurationen diesen unglücklichen Menschen hervorgebracht haben? Wenn wir genau hinsehen, entdecken wir, dass der Junge dem inzestuösen Adel angehört. Aus seinem Hals wachsen zwei lange Finger, die ihm bis auf die Schulter herabhängen. Es drängt sich die Vermutung auf, dass der „Scherz“, den die Natur ihm gespielt hat, die Ursache seines Leidens ist. Doch vergleichen wir das Porträt mit zeitgenössischen Darstellungen des Haschisch-Konsums, entdecken wir erstaunliche Parallelen. Mit dem Geheimnis müssen wir indes leben. Den Künstler können wir heute leider nicht mehr befragen.

Nun zum einem Bild, das nur die Leser sehen können, die mindestens 18 Jahre alt sind oder so tun als ob. Die kindliche Neugier an Sexualität ist nur wenig in der repräsentativen Kunst des Adels thematisiert worden. Einige der seltenen, äußerst subtilen Darstellungen sind uns aber erhalten geblieben und entfalten noch heute ihre subversive Kraft.

Vor einer nachlässig drapierten Kulisse aus hartem Stoff, die sich wie eine Masse von erkaltender Lava in den Bildraum ergießt, haben sich zwei Mädchen in weißen Kleidern eingefunden, deren Ärmel fetten Seidenraupen nachempfunden sind. Der Stoff des Hintergrunds ist ein uraltes Symbol für die Abwesenheit elterlicher Fürsorge und tatsächlich – man kann es drehen und wenden, die Eltern der Kinder sind nicht im Bilde, und das können wir getrost auch im übertragenen Sinne geltend machen. Das ältere der beiden Mädchen hält einen sich unwirsch gebärenden Hund an den Hinterbeinen hoch und zieht sie auseinander. Die Lippen des Mädchens sind amateurhaft geschminkt und in ihren Augen blitzt eine lüsterne Bosheit auf, die vom schwarzen MickyMaus-Hut aus Gefiederteilen unterstrichen wird. Das jüngere Mädchen hat es sich auf dem Hochsitz bequem gemacht und blickt verklärt-träumerisch in die Ferne wie eine Grisette in Erwartung tollkühner Liebesabenteuer. In der linken Hand hält sie einen einsatzbereiten Dildo, in der rechten ein heute nicht mehr gebräuchliches Spielzeug vom Markt für Ehe-Hygiene. Es steht außer Zweifel, dass die Mädchen sich eigenmächtig an der Schlafzimmerschublade der abwesenden Eltern bedient haben. Unschwer zu erraten, welche Handlung hier im Begriff ist, sich zu entfalten und wir wollen dieser indiskreten Frage beschämt ausweichen, indem wir diesen Exkurs beenden und mit all der frischen Miss-Bildung im Kopf das Browserfensterl schließen.

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